Keine Reue auf dem Lustrasen

In seinem Lustgarten schwingt Jedermann das Tanzbein. Ein Totentanz wird uns geboten. Der Rhythmus des Lebens treibt ihn an, weiter und immer weiter; doch, wenn er für einen Moment innehält, bemerkt er: Die Tanzfläche ist gepflastert mit Leichen. Das erfahren wir im Stück jedermann (stirbt), das zurzeit im Schauspielhaus Salzburg unter der Regie von Rudolf Frey aufgeführt wird.

Im Stück von Ferdinand Schmalz dreht sich alles um das Sterben. In der bekannten Fassung von Hofmannsthal steht die Bekehrung und im Zuge dieser, die Reue des Jedermann im Zentrum des Stücks. In dieser Inszenierung des erst kürzlich uraufgeführten Stücks wird Jedermann nicht durch Gottes Gnade erlöst; am Schluss steigt Jedermann in ein kreisrundes Grab und ist tot. Die Leiter, die neben der Versenkung in den Himmel ragt, erklimmt er nicht. Nur seine Mutter weiß ihn selig, die Bekehrung Jedermanns bleibt dem Publikum vorenthalten. Stattdessen verfolgen wir das Zugrundegehen eines kontrollierten, kontrollierenden Ökonomen. Am Schluss liegt er gebrochen auf der Bühne, schluchzend kauert er vor seinem verstreuten Tafelsilber. Dabei zeigt Theo Helm als Jedermann zu Beginn keine Schwäche: Er demonstriert, dass Geld seinen Gott lange ersetzt hat. Bei stürzenden Währungen, Klassenkriegen und gewaltsamen Protesten hält er sich zurück, denn Tote gibt es überall. Wenn Jedermanns Ehefrau bedauert, ihre Ehe sei nicht mehr das, was sie einmal war, wenn die beiden Gesellen versprechen, sich gerne um die Firma des totgeweihten Jedermann zu kümmern, und wenn sogar Gott dem Sterbenden einen metaphorischen Hieb versetzt, dann ist Jedermann ganz unten angekommen.

In diesem Stück ist der Tod ein schönes Mädchen, das sich – anders als auf den Dürer-Gemälden – um den Jedermann schlingt. Sie ist Buhlschaft und Tod zugleich, ihre Andersartigkeit zieht Jedermann an und nur zu spät wird ihm klar, mit wem er da getanzt hat. Der Tod wird von Kristina Kahlert gespielt, die viele langatmige Szenen allein durch ihre Präsenz auf der Bühne aufregender macht. Die Bühne ist ein langer, mit Kunstrasen überzogener Laufsteg, der eben einerseits an den Laufsteg bei Modenschauen erinnert, durch den grünen Rasen aber auch gleichzeitig zum Spielfeld des Lebens wird. Im Gegensatz zu der üblichen Frontalansicht der Bühne, sitzt hier das Publikum rund um die Bühne herum. Dies stellt insofern eine Herausforderung für die Schauspieler dar, weil sie sich ständig von einer Seite zur anderen bewegen müssen, damit sie jede der vier Seiten gleich bespielen. So entsteht ein ständiges Köpfedrehen in den Reihen, da die Augen allein nicht den vielen Bewegungen folgen können. Dieser dynamische Aspekt ist jedoch unverzichtbar, da die Schauspieler so viel Text vortragen, dass man als ungeübter Zuseher ohne die Bewegung schnell ermüden würde. So werden die letzten beiden Szenen, die bereits nach Jedermanns Tod und der erschütternden, letzten Rede des Todes spielen, lang; Es hätte vermutlich ausgereicht, sich für eine der beiden Szenen als Schluss zu entscheiden.

Mammons Kostüm erinnert mit seinen bodenlangen goldenen Fransen an das Kostüm von Christoph Franken, dem Mammon aus der Inszenierung bei den Festspielen 2018. Auch das Glockenläuten, das uns aus den Festspielaufführungen so bekannt ist, ist in dieser Inszenierung aufgegriffen worden. Die Jedermann-Schreier werden ersetzt durch das Ticken einer Bombe. Im Stück von Schmalz wird die Figur des Glaubens verschmolzen mit der von Gott. Mammon sowie die Guten Werke (Marcus Marotte) werden humoristischer als im Jedermann von Hofmannsthal dargestellt. Auch der Teufel erscheint nicht leibhaftig auf der Bühne, stattdessen spricht er durch einen Sprechchor der Figuren.

jedermann (stirbt) ist ein aktualisierter Jedermann, der zwar dieselbe Geschichte erzählt, doch die Schwerpunkte anders als sein Vorbild setzt. Gerade weil es nicht in der alten Sprache der Jahrhundertwende donnert und weil die erwartete Moralkeule ausbleibt, ist die Aktualisierung gelungen. Für mich war es eine gelungene Inszenierung und ein unterhaltsamer Abend.

Fotos: Jan Friese

Hinterlasse einen Kommentar